Fock dicht, Groß dicht! Oder:
Wie ich meinen Fighter segeln lernte. Bis Mitte der Vierzig war mein Umgang mit Wasser auf so alltägliche Dinge wie Regen, Baden, Waschen, Duschen, Trinken, Schwimmen etc. beschränkt. 1997 gelang es einem Arbeitskollegen - meine Neugier nutzend - mich seinem Segelclub näher zu bringen! Und so wurde ich Mitglied des 1. Weißenburger Segelsportclub e.V. Was also lag näher als den Segelschein zu machen. Völlig neue Erfahrungen lehrten mich den Umgang mit den etwas anderen physikalischen Gegebenheiten des Wassers. So wirkt - wie gewohnt - die Erdanziehungskraft zum Mittelpunkt der Erde, jedoch bleibt das Boot seltsamerweise nicht etwa in der Waagerechten, nein, es neigt sich bedrohlich auf jene Seite, in deren Richtung ich mich beuge. Weiter machte ich die Erfahrung des „ins-Wasser-fallens“ und auch wie ein Conger zum Kentern gebracht werden kann. Rasch verging die Zeit - Anfang Herbst 1998 besaß ich den Sportboot-Führerschein Binnen - für Sportboote mit Antriebsmaschine und unter Segel (hier ist ein herzlicher Dank an meine Segellehrerin Andrea Kunz angebracht). Im Januar 2000 besuchte ich die „boot“ in Düsseldorf. So ziemlich gegen Ende kam ich zufälligerweise an den Stand eines Herrn Stöberl. Und da ist es dann passiert! Er hatte zwei Boote aufgestellt (einen Delfin und einen Twin). Egal welches - sie sahen beide toll aus. Das Prospekt wies sogar noch ein drittes Boot aus: Den Fighter. Das war dann Liebe auf den ersten Blick! Rasch fand ich Kontakt zur Klassenvereinigung - und zu Günther Baumgärtner. Im Mai 2000 hatte ich dann meinen Fighter - G 92 - namens Flipper. Segeln lernen ging dann erst richtig los - auf dem neuen Revier Großer Brombachsee. Segeln war für mich auf meinem Fighter jedesmal eine aufregende Sache. Nahm das Boot Fahrt auf und eine leichte Krängung stellte sich ein, konnte ich meinen Magen nur Kaugummi kauend vom - für ihn äußerst ungewohnten - Empfinden des schwankenden Untergrundes ablenken. Vom Kopf her war alles klar: Die Schoten dicht! Der Fighter nimmt Fahrt auf und krängt nach Lee - das ist eben so, die Kante gerade am Wasser! Aber nix da!!! Sofort meldete sich mein „zweites Gehirn“ (es befindet sich etwa 3 Fingerbreit oberhalb des Bauchnabels). Und es meldete sich heftig: „Hiiiilfe!!! Um Himmels Willen!!! Mach das Groß auf, wir kentern!!!!!“ Seinerzeit hatte dieses zweite Hirn die Oberhand und damit das Sagen. Also fierte ich die Schot und - Gott sei Dank - die Krängung ließ nach, der Fighter lag wieder platt auf dem Wasser, Geschwindigkeit war weg, die Gefahr des Kenterns gebannt, der Magen beruhigte sich. Aber ist so ein Dahinplätschern Segeln? Nein, das konnte es nicht sein. Andere segeln auch auf der Kante und die wenigsten kentern. Ärgerlich: Es kann nicht angehen, dass mein Kopf und ich von diesem ängstlichen Hirn in der Magengegend bestimmt werden, trotz Kaugummi! Deshalb meldete ich mich zur Trimm- und Trainigswoche vom 17. bis 23. Juli 2000. Diese wird alljährlich von der Fighter-Klassenvereinigung am Altmühlsee abgehalten! Zuvor fand noch am Großen Brombachsee eine Übungsregatta statt. Klar, dass ich daran teilnahm. Mit an Bord war mein Seglerkamerad Silvio. Für meine Verhältnisse war starker Wind - zu Beginn immerhin 2 bis 3 Windstärken. Dank Silvio, der nicht selten mit Nachdruck und unüberhörbar zum Dichtholen von Groß und Fock riet, machten wir gut 5 Knoten Fahrt. Urplötzlich - wir hatten Wind von backbord - baumelte die Steuerbordwant in Lee. Lautstark meldete sich mein zweite Hirn. Der Splint, der die Want am Pütting fixieren sollte, hatte sich verabschiedet (liegt jetzt irgendwo auf dem Grund des Sees). Ausgerechnet so einen Splint hatte ich nicht dabei! Ich hatte überhaupt nichts dabei - keine Schäkel, keine Karabiner, nix - nur ein paar kleinere Leinenstücke. Damit befestigte Silvio die Want provisorisch. Diese Notlösung hätte uns die Rückfahrt in den Hafen erlaubt, wenn, ja wenn der Wind nicht aufgefrischt hätte. Eine Böe von steuerbord war dann doch zuviel. Ein trockenes „Plopp“ und der Mast fiel wie in Zeitlupe samt Fock und Groß nach backbord ins Wasser. Und was habe ich daraus für die Zukunft gelernt? Prüfe dein Rigg! Dessen ungeachtet, mein bisher mühsam aufgebautes klitzekleines seglerisches Selbstvertrauen war dahin; es lag mit dem Masten im Wasser! Zur Trimm- und Trainigswoche am Altmühlsee hatte ich meinen Fighter wieder. Ebenso hatte das zweite Hirn wieder die Oberhand und das Sagen! Aber wir (mein Kopf und ich), wir hatten jetzt Verbündete: Günther Baumgärtner und die Klassenvereinigung! Wie wichtig die Anwesenheit von Günther war, zeigte sich gleich am ersten Tag. Vielleicht knapp 3 Windstärken, weit über ein Dutzend Fighter zog seine Runden um die Bojen. Ich immer hinterher, die Segel offen wie Scheunentore. Günther, der das Training vom Motorboot aus beobachtete, sah mein vergebliches Bemühen Anschluss zu halten. Über Megafon kam seine unmissverständliche Anweisung: „Walter, Fock dicht, Groß dicht!“ Also holte ich beide so dicht wie möglich. Und siehe da, mein Fighter machte mehr Fahrt, neigte sich zart nach Lee. Mein zweites Hirn signalisierte, diese Schräglage genüge völlig. Günther erkannte sehrwohl die Situation, kam zu mir aufs Boot und übernahm als Steuermann mit den Worten „Jetzt zeig ich dir mal, wie der Fighter gesegelt wird!“. Er holte Fock und Groß dicht (sein schelmisches Lächeln habe ich noch heute vor Augen). Dann hatte ich ein bis dahin ungekanntes Erlebnis. Mein zweites Hirn war verstummt, vermutlich in Ohnmacht gefallen. Hingegen müssen meine Augen die Größe von Untertassen bekommen haben, mein Kinn war wohl auf die Knie gefallen. Günther segelte den Fighter so wie er gesegelt gehört! Mein Fighter glitt durchs Wasser, dass es eine Freude war. Die Segel waren dichtgeholt, der Luvkiel war aus dem Wasser heraus, vom Bug her spritzen die durchpflügten Wellen ihren Applaus. Günther war die Freude anzusehen. Eine Runde um die Bojen, eine Wende, eine Halse, das genügte. Eine neue Welt des Segelns hatte sich mir eröffnet. Günther verließ dann meinen Fighter mit den Worten „So wird der Fighter g´segelt! Weißt scho, Fock und Groß dicht, passieren kann ja nix!“ So von Günther eingenordet übernahm ich wieder die Pinne, holte die Schoten dicht und segelte den Kurs um die Tonnen. Aber trotz allen Eifers, an die Günthersche Art des Segelns kam ich nicht heran. Erneut vernahm ich Günther`s Stimme: „Walter, dichtholen hab ich g´sagt! Fock dicht, Groß dicht“. Insgeheim stellte ich mir die Frage, wie viel dichter es denn noch gehe. Mein zweites Hirn, offensichtlich aus seiner Ohnmacht erwacht, widersprach vergeblich. Ich holte Fock und Groß dichter. Zwischen meinem Kopf und mir einerseits und meinem zweiten Hirn andererseits entspann sich eine kurze aber heftige Diskussion, die jäh durch Günthers Stimme beendet wurde „Walter, dichtholen hab ich g´sagt! Fock dicht, Groß dicht“. Nun, er muss es wissen, er hat gezeigt was geht! Also - erneut dicht holen! Mein zweites Hirn war der Verzweiflung nahe - eh uninteressant. Allen Mut zusammengenommen und dichtgeholt!!! Welch Wunder: Ich kenterte nicht. Nein, im Gegenteil, mein Fighter krängte bis zur Kante, machte noch mehr Fahrt, der Lee-Windbendsel in der Fock stand waagerecht. Das zweite Hirn schwieg. Ich segelte meinen Fighter!! Herz, was willst du mehr?!!! Inzwischen haben weitere Trimm- und Trainigswochen im Kreise der Fighter-Familie sowie Segeln unter den kritischen Augen von Günther Baumgärtner und seine - stets zutreffenden - Hinweise „Fock dicht, Groß dicht“ mein Fightersegeln spürbar verbessert. Regelrechte Quantensprünge führe ich letzlich auf die beiden Segelurlauben zu Pfingsten 2002 und 2003 an der Müritz zurück. Nur noch sehr sehr selten erlaubt sich mein zweites Hirn einen zaghaften Hinweis beim Segeln. Fighter segeln bereitet Spaß und Freude. Dafür danke ich in erster Linie Günther Baumgärtner, der es wie kein anderer verstanden hat, mir die Angst vor der Gefahr des Kenterns zu nehmen. Gleichwohl spreche ich an dieser Stelle auch der Fightergemeinschaft für all die Ratschläge, Hinweise und vor allem für die gute Seglergemeinschaft meinen Dank aus. Walter Neumann - G 92 Nürnberg, im Februar 2004 |